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Napoleon

Titel

CoverNapoleon - Eine Biographie

Autoren

    Dr. Johannes Willms

Verlag, Umfang

    C.H. Beck, München - 840 S., zahlreiche Abbildungen und Karten
    ISBN 3-406-52956-9

Rezension

    Seit den Historiographen Kircheisen und Ludwig, die beide in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts publizierten, hat sich kein deutschsprachiger Historiker mehr an den “Kraftakt” gewagt, eine Biographie über Napoleon zu veröffentlichen. Nun liegt - endlich - wieder ein solches aus der Feder von Dr. Johannes Willms, ehemals Leitender Redakteur des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, vor. Er hat sich schon durch ein früher publiziertes Buch über die Legendenbildung um Napoleon als kritischer Forscher zu dessen Person ausgezeichnet.
    Wie sich nun einer Person nähern, über die schon zahlreiche Publikationen geschrieben wurde, und die schon zu Lebzeiten die eigene Legende kultivierte und daher nur schwer Einblicke in die “wahre” Persönlichkeitsstruktur zuläßt? Selbstzeugnisse Napoleons sind vor diesem Hintergrund mit den zahlreich vorhandenen Erinnerungen wichtiger Zeitgenossen - aus dem privaten, politischen sowie militärischen Umfeld Napoleons - kritisch abzugleichen und zu bewerten. Dr. Willms ist es zu verdanken, dass in dieser Form erstmals für den deutschsprachigen Raum die umfangreiche Korrespondenz Napoleons, die sich nicht nur auf die Offizielle Ausgabe von 32 Bänden beschränkt, ausgewertet und im ausführlichen Anmerkungsteil teilweise rezitiert wird. Gerade diese zahlreichen Textdokumente können unverfälschter als die auf St. Helena diktierten Rechtfertigungsschriften Napoleons interpretiert werden und in den zeitlichen Kontext gesetzt werden. Neben der umfangreichen Korrespondenz hat Dr. Willms auch Klassiker der Napoleon-Literatur ausgewertet, wie beispielsweise “Napoleon et sa famille” von F. Masson (13 Bände!), “L’education militaire de Napoleon” von J. Colin sowie zahlreiche Erinnerungen und Korrespondenzen wichtiger Zeitgenossen - alles sehr gut nachzuvollziehen im umfangreichen Anmerkungsteil von über 100 Seiten.
    Die Biographie gliedert sich in die drei Teile “Der Zauberlehrling”, “Der Diktator” und “Der Imperator” und stellt aus meiner Sicht die bisher beste politische Biographie der Person Napoleons in deutscher Sprache dar. Nur im ersten Teil deutet Willms psychologische Interpretationen der Persönlichkeitsbildung Napoleons an, als er den familiären “Rollenkrieg” oder auch die Ausgrenzung in seinen verschiedenen militärischen Standorten beschreibt. Dem Leser wird mit diesen Passagen deutlich gemacht, warum Napoleon die mehrfach bekundete Abneigung gegenüber körperlicher Nähe (vor allem von Menschenansammlungen) entwickelte. Willms’ Biographie ist jedoch keinesfalls psychologisch ausgerichtet - hierauf wartet die Napoleon-Gemeinschaft noch auf das Standardwerk - sondern läßt sich am ehesten als Biographie des politischen (und in schwächerer Form auch militärischen) Napoleon umschreiben. Dr. Willms verzichtet zu Gunsten der Lesbarkeit auf Exkurse über die Struktur- oder Mentalitätsgeschichte des Konsulats bzw. des Empire, sondern bleibt immer am Menschen Napoleon und dessen Einwirken auf die Zeitläufte. Trotz der fehlenden Exkurse lernt der Leser vor allem im zweiten Teil die Funktionsweise des Napoleonischen Machtsystems kennen und kritisch einzuschätzen. Auf wohltuende Art und Weise hält Dr. Willms Distanz zu Napoleon, er erkennt das Genie an, verurteilt jedoch auch dessen ungezähmten Machtwillen.
    Die Biographie ist sehr angenehm und in Teilen auch sehr spannend zu lesen - wie z.B. die von familiären Streits überzogene Vorbereitung der Kaiserkrönung. Sie bietet zudem durch den umfangreichen Anhang die Möglichkeit, bestimmte Aspekte durch vertiefende Literatur zu studieren. Daher wird sie - für sicherlich einen längeren Zeitraum - DAS Einstiegswerk in die Person Napoleons darstellen.

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Titel

CoverItinéraire de Napoléon au jour le jour

(Der Lebensweg Napoléons von Tag zu Tag)

Autoren

    Jean Tulard, Louis Garros

Verlag, Umfang

    Tallandier - 541 S. - ISBN 2-235-02097-6

Rezension

    Vor ungefähr zehn Jahren erfuhr ich zum ersten Mal davon, dass 1947 in Frankreich ein Buch erschienen war, indem angeblich jeder einzelne Tag aus dem Leben Napoléons beschrieben wurde. Natürlich war dieses Buch – das mir übrigens viel zu utopisch vorkam, als dass ich es mir auch nur annähernd hätte vorstellen können – längst vergriffen, und ich hätte nicht im Traum daran gedacht, es eines Tages doch noch mal in der Hand zu halten.
    Einen ähnlichen Gedanken musste vielleicht auch Jean Tulard gehabt haben, Napoléons berühmter Biograf, Professor an der Sorbonne, Mitglied des Institut de France und Präsident des Institut Napoléon, als er sich dazu entschied, den “Intinéraire” von Louis Garros neu herauszubringen. (Dessen Werk übrigens eine verbesserte Ausgabe des ersten “Itinéraire de Napoléon” von Schuermans war, erschienen 1911).
    Jean Tulard brachte seine erste, überarbeitete Ausgabe 1992 heraus (was ich allerdings erst viel später erfuhr), worauf glücklicherweise 1998 noch eine zweite Auflage erschien.
    Und da ist er nun – der Lebenslauf schlechthin!
    Man muss die französische Sprache nicht unbedingt perfekt beherrschen, um Spaß daran zu haben, dieses Buch zu lesen. Mit einem Wörterbuch bewaffnet gelingt es einem leicht, den Inhalt der meisten Ereignisse zu verstehen.
    Aber da man weiß, dass Napoléon ein Gewohnheitsmensch war, findet man im Ablauf seiner Tage oftmals Ähnlichkeiten, die den Leser nicht unbedingt fesseln. So kann man leicht nachrechnen, wie oft er in seinem Leben zur Jagd ging, wie oft er im Staatsrat saß, oder wie oft er nicht im Staatsrat saß...
    Es ist natürlich das erhoffte Unbekannte, was den Kenner (und nur Kennern möchte ich das Buch empfehlen, da es doch gewisser Vorkenntnisse bedarf) auf dieses Werk so neugierig macht. Und man stößt tatsächlich auf einige seltsame Eintragungen, die den Leser in ein wohliges Grübeln versetzen.
    Dabei spürt man eine gewisse Magie, die jedoch beabsichtig scheint, denn es kommt mir so vor, als ob Professor Tulard sich in seinen Büchern den kleinen Spaß macht, seinen Adepten das ein- oder andere Rätselchen zu präsentieren.
    Andererseits finde ich zum Beispiel eine leichtverständliche, bis ins Detail gehende Beschreibung von Napoléons Feldzugsrouten, ich erfahre genau, wann er wo übernachtet hat, oder eine Mahlzeit zu sich nahm. Und endlich erfährt der Leser was er schon immer wissen wolle: nämlich wann der Kaiser welches Pferd auf dem Russlandfeldzug ritt.
    Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen und ich bin eigentlich froh, dass es mich nicht ganz zufrieden stellt, sondern in mir einige Fragen aufwirft, die mich auch weiterhin zum recherchieren animieren. Darin liegt vielleicht auch das faszinierende an dieser Epoche – dass man niemals alles gleich erfahren darf, denn nichts ist so schön wie die Suche danach.

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Titel

    Frauen um Napoleon

Autor

    Stefan Gläser

Verlag, Umfang

    Friedrich Pustet, Regensburg - 250 S. - ISBN 3791717685

Rezension

    Schon wieder ein Buch über Napoléon?! - würde der französische Leser beim
    Anblick dieses Titels vielleicht stöhnen, denn in Frankreich gibt es logischerweise eine mehr als befriedigende Anzahl an Büchern zu diesem Thema, während der deutsche Leser nur staunend ausrufen kann: Endlich wieder ein Buch über Napoleon!
    Es ist wirklich bedauerlich, dass kaum ein historisches Sachbuch seinen Weg zu uns über den Rhein findet, weil die deutschen Verlage es anscheinend vorziehen, dem interessierten Leser lieber eine etwas fragwürdige Literatur aus Übersee anzubieten. Umso erfreulicher ist es dann natürlich, wenn man plötzlich überrascht wird -
    und zwar von einem deutschen Autor!
    Mit "Frauen um Napoleon" liegt uns hier nun ein Buch vor, das aufgrund des
    attraktiven Themas von einem breiten Publikum wahrgenommen werden dürfte. Auf unterhaltsame Art schildert uns der Historiker Stefan Gläser die "andere" Seite Napoléons - er zeigt den Kaiser und Feldherrn als Sohn, Bruder, Ehemann, Geliebten, und nicht zuletzt als Feind der emanzipierten Frau. Doch findet man weder eine Charakterstudie noch eine Analyse über die Beziehungen Napoléons zu seiner weiblichen Umgebung, es handelt sich bei dieser Darstellung eher um eine Reihe kleiner Biographien der wichtigsten Frauen in Napoléons Leben und da wird das Buch seinem Titel durchaus gerecht.
    Was mir persönlich mißfällt, ist das fehlen jeglicher Forschungsarbeit. Es wurde mit der einfachsten Art der Recherche, die da lautet -der eine schreibt vom anderen ab-, gearbeitet, was eine detailliebende Kennerin wie mich natürlich nicht zufriedenstellt. (Aber für mich wurde das Buch ja auch nicht geschrieben!)
    Trotzdem würde ich das Buch jedem Laien und jedem Napoléon-Enthusiasten, der sich für das Thema interessieren möchte, empfehlen. Es wäre auf jeden Fall eine Bereicherung in einer Sammlung von Napoleonica, die ansonsten nur von Kanonendonner hallt. Außerdem ist dieses Buch ein hervorragendes Geschenk für die ewig zweifelnde Verwandschaft, nicht nur wegen der wunderschönen Covergestaltung.
    Es lohnt sich also, dieses Buch zu erwerben!

Rezensentin

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Titel

    Napoleon and Doctor Verling on St. Helena

Autor

    J. David Markham

Verlag, Umfang

    Pen & Sword - 224 S. - ISBN 1844152502

Rezension

    Der Hauptteil des Buches besteht aus den (fast) täglichen Aufzeichnungen von Dr. James Roche Verling - während seines Aufenthaltes auf St.Helena in den Jahren 1818 bis 1820. Weiters enthalten sind eine kurze Vorstellung der dramatis personae und der wichtigen Schauplätze auf der Insel, ein Prolog zum Tagebuch, eine kurze Biographie von Napoleon, sowie ein Kapitel über seine Ärzte, das eher ein vorweg genommenes Resume des Inhaltes darstellt und ein kurzer Epilog über sein Ende. Dann erst folgt das eigentliche Tagebuch, ein Anhang mit diversen Briefen und Memoranden mit Bezug darauf und eine Bibliographie über St.Helena, Anmerkungen und Namensindex, sowie diverse Illustrationen.
    Das Tagebuch beginnt am 25. Juli 1818. Napoleons Gesundheit verschlechtert sich langsam und Dr. Verling, der ihn schon bei der Überfahrt auf der NORTHUMBERLAND persönlich kennen lernte, soll im Auftrag des Gouverneurs der Insel Hudson Lowe als sein persönlicher Arzt fungieren - er wird den Kaiser nur aus der Entfernung zu Gesicht bekommen, obwohl er in Longwood einquartiert ist. Es endet mit dem 23. April 1820. Verling verlässt St. Helena nach einer letzten Auseinandersetzung mit Lowe.
    Der Arzt findet 1818 folgende Situation vor: Hudson Lowe hat Sir Cockburn als Gouverneur von St.Helena abgelöst. Napoleon schließt sich mehr und mehr von der Außenwelt ab und verweigert die Kommunikation mit seinem „Gefängniswärter“, der mit Argusaugen nicht nur jegliche Korrespondenz,  sondern in steter Sorge vor einem Fluchtversuch des Gefangenen auch die übrigen Bewohner von Longwood insbesondere die Ehepaare Bertrand und Montholon überwacht. General Gourgaud hat nach einer Auseinandersetzung mit Graf Montholon St. Helena verlassen und angeblich in England von einem Fluchtplan berichtet, was teilweise die Besessenheit Hudson Lowes erklärt; auch sein direkter Vorgesetzter - der Kolonialminister Lord Bathurst - ist dieser Meinung. Las Cases wurde von Lowe entfernt, weil er im Geheimen mit Napoleons Familie Briefkontakt aufnahm, Cipriani ist an einer Unterleibsentzündung gestorben und der Schiffsarzt der NORTHUMBERLAND  Dr. Barry Edward O’Meara, der sich freiwillig als Napoleons Arzt anbot, hat sich auf die Seite des Kaisers und gegen Hudson Lowe gestellt. Er wird der Verbindung zu den Balcombes, die ebenfalls die Insel verlassen mussten und natürlich ebenfalls der Geheimkorrespondenz verdächtigt. Als ihm verboten wird mit Longwood weiterhin Kontakt aufzunehmen und er sich weigert, hat das seine Entlassung im Jahre 1818 zur Folge. Aber O’Meara wird sich rächen.
    Verling, der O’Meara als Arzt ersetzen soll, ist gewarnt und versucht  während seines Aufenthaltes verzweifelt es beiden Seiten recht zu machen, sich auf seine militärischen und ärztlichen Pflichten zu beschränken und sich gegen den stets latent vorhandenen Verdacht der „Fraternisierung“ mit den Bewohnern von Longwood abzusichern.
    Denn das Misstrauen des Gouverneurs gegenüber allem und jeden ist stets präsent.
    Es gibt eine Liste von nur 50 Personen die ohne vorherige schriftliche Genehmigung Longwood betreten dürfen und der Ordonanzoffizier Nicholls muss die Bewohner bei ihren Besuchen in Jamestown beaufsichtigen und sogar in Geschäfte und bei Privatbesuchen begleiten. Nun der Offizier hat es wahrlich nicht leicht. Es gehört zu seinen Pflichten jeden Tag festzustellen (und zu melden) ob Napoleon sozusagen an Ort und Stelle ist, das heißt er muss ihn zu Gesicht bekommen, was manchmal nur per Fernrohr und öfters gar nicht gelingt. Denn dann ist der Kaiser im Bad, oder im Bett, oder indisponiert und so wartet der Offizier oft vergeblich stundenlang auf den Anblick des illustren Gefangenen. Auch seine Versuche Mitteilungen von Hudson Lowe an Napoleon zuzustellen sind bei verschiedenen Gelegenheiten nicht eben von Erfolg gekrönt. Bertrand weigert sich zum Beispiel ein  versiegeltes Paket zu übernehmen, Montholon ist krank, Marchand der Diener Napoleons verschwindet vorübergehend auf Nimmerwiedersehen, Ali St.Cyr übernimmt prinzipiell nichts, das Billiardzimmer, das den Zutritt zu Napoleons Räumen ermöglicht ist verschlossen und der Schlüssel unauffindbar und Englisch will sowieso keiner verstehen, was Dr.Verling zwingt als Übersetzer zu fungieren (worüber er sich bitter bei Hudson Lowe beschwert). Mit einem Wort, alle mauern. Schließlich erbarmt sich Bertrand und übernimmt das Paket mit der Bemerkung es sei sowieso sinnlos, da die Papiere nur im Kaminfeuer landen würden.
    Aber der Argwohn des Gouverneurs gilt auch den Repräsentanten der Allierten. Er warnt Verling vor allzu engen Kontakt mit ihnen, den er als problematisch empfindet und will vor allem die Beziehungen des russischen Commissioners Balmain, der Besorgungen für Mme Montholon in Rio de Janeiro tätigte mit Longwood unterbinden. Balmain lässt sich das natürlich nicht gefallen und es kommt zu mündlichen und schriftlichen Auseinandersetzungen mit Hudson Lowe. Später dürften sich die beiden allerdings wieder vertragen haben, da Balmain eine Stieftochter des Gouverneurs heiratet.
    Aber misstrauisch ist nicht nur Lowe, auch Napoleon, der persönlich gegen Verling nichts einzuwenden hat, akzeptiert ihn nicht, da er vom Gouverneur ausgesucht wurde und lässt ihn nicht bei sich vor, obwohl sich die Bertrands und Montholons, die den Arzt schätzen sich beim Kaiser für ihn verwenden.
    Montholon setzt sich besonders für ihn ein und im Anhang findet sich ein Memorandum, datiert vom 1.April 1819 und von Verling pflichtgemäß an Sir Hudson Lowe weitergeleitet mit folgendem Inhalt: Napoleon denke nicht daran einen „l’homme du Gouverneur“ in seiner Nähe zu dulden, außer wenn der darin einwillige „l’homme de l’Empereur“ zu werden, er verlange nichts von ihm, was ihn in den Augen des Gouverneurs kompromittieren würde und da trotzdem die Gefahr für Verling seine Position einzubüßen nicht auszuschließen sei, bietet er ihm ein beträchtliches monatliches Gehalt an.
    Verling lehnt dies mit der Bemerkung ab, dass es unvereinbar mit seiner Dienstpflicht sei private Abmachungen mit Napoleon zu treffen und übermittelt, wie schon gesagt ein genaues Gesprächsprotokoll von dieser und anderen Unterredungen an Lowe. Er kann sich daher nicht persönlich um Napoleon kümmern und das hat Folgen die einen anderen Arzt - John Stokoe - vors Kriegsgericht bringen. Am 17.1.1819 kommt es zu einer Ohnmacht Napoleons (ähnlich einem Schlaganfall) und Stokoe, der für Verling einspringen muss diagnostiziert eine gefährliche Leberentzündung. Dr. Baxter und Hudson Lowe halten die Diagnose über den schlechten Gesundheitszustand des Patienten für übertrieben, sie sind mehr oder weniger dazu gezwungen, da bei einer lebensgefährlichen Krankheit, die Stokoe und vorher O’Meara dem Klima der Insel und den Verhältnissen in Longwood zuschreiben, es der Öffentlichkeit gegenüber offiziell nicht mehr vertretbar gewesen wäre, Napoleon länger auf St.Helena festzuhalten. Aber es kommt noch ärger für Stokoe, der die von Verling abgelehnten Vereinbarungen mit Napoleon, akzeptiert und unterzeichnet hat.
    Stokoe berichtet darüber, dass ganz in der Nähe auf der Insel Ascension  O’Meara schwere Anschuldigungen gegen Hudson Lowe erhebt, dem er vorwirft, dass seine Richtlinien für die Behandlung der Gefangenen (auch die übrigen Bewohner von Longwood sind es mehr oder weniger) geeignet seien, Napoleons frühzeitigen Tod herbeizuführen. Lowe vermutet eine geheime Verbindung zwischen O’Meara und Stokoe und zieht auch Verling wegen eines früheren Gespräches mit Bertrand mit hinein. Jetzt dreht Lowe einigermaßen durch. Alle werden verdächtigt, er will den genauen Wortlaut der Äußerungen O’Meara’s wissen, er will alle Gespräche genau dokumentiert haben in denen das Thema berührt wurde, er will wissen wer wen wann und warum getroffen hat, kurz er gibt keine Ruhe und ist sichtlich in Panik.
    Ende Jänner 1819 wird Stokoe „auf eigenen Wunsch“ zurück nach England geschickt, aber bald wieder zurückgeholt und Ende August wird Verling davon verständigt, dass er bei der Kriegsgerichtsverhandlung gegen Stokoe anwesend sein muss. Die Anklage umfasst 10 Punkte, als da sind 1.: dass er mit General Bonaparte und seiner Umgebung über Angelegenheiten gesprochen habe die mit seiner ärztlichen Behandlung nicht zusammen hingen. 2.:dass er mündliche und schriftliche Beziehungen mit einem der französischen Gefangenen unterhalten habe ohne seine Vorgesetzten vorher zu unterrichten. 3.: dass er ein Bulletin über die Gesundheit General Bonapartes unterschrieben und ihm ausgehändigt habe. 4.: dass er in besagtem Bulletin Fakten, die nicht auf eigener Beobachtung beruhten und die ihm von Bonaparte oder seiner Umgebung diktiert worden seien festgehalten habe. 5.: dass er in diesem Bulletin den Eindruck hervorgerufen habe, dass Bonaparte in unmittelbarer Lebensgefahr sei, aber er dennoch 4 Stunden in Longwood verbracht habe ehe er zu dem Kranken vorgelassen wurde wo doch  Dr. Verling jederzeit zur Hand gewesen sei. 6.: dass er  General Bonaparte oder seiner Umgebung Informationen über Bücher, Briefe oder andere Papiere die aus Europa geschickt wurden übermittelt habe, die vom Gouverneur abgefangen wurden und sie über ihre finanzielle Angelegenheiten unterricht habe. 7.: dass er die infamen Beschuldigungen von O’Meara gegen Hudson Lowe an Bonaparte und seine Umgebung weitergeleitet habe, die implizit darauf hinausliefen, dass Sir Lowe dem Leben Bonapartes ein Ende setzen wolle. 8.: dass er entgegen dem Befehl seines vorgesetzten Offiziers am 21.Jänner nicht zur vorgeschriebenen Stunde von Longwood zurückgekehrt sei. 9.: dass er absichtlich und wissentlich in seinem Bulletin von General Bonaparte als Kaiser gesprochen habe. 10.: und dass sein ganzes Verhalten darauf angelegt gewesen sei die Intentionen des Gouverneurs zu durchkreuzen, indem er die Ansichten der französischen Gefangenen in Bezug auf ihre falschen Beschwerden unterstützt habe.
    Stokoe wurde in neun von zehn Punkten der Anklage schuldig befunden und mit Rücksicht auf seine lange Dienstzeit von 25 Jahren mit den halben Bezügen entlassen.
    Wen wundert es, dass Verling wiederholt darum ersucht, von seinen Pflichten entbunden zu werden, besonders als das Buch von O’Meara („A Voice from St.Helena“) an verschiedene Adressaten auf die Insel verschickt wird, was weitere peinliche Untersuchungen zur Folge hat. Ein Major Powers, der es ebenfalls erhalten hat, retourniert es postwendend an den Verleger und ein Leutnant Kent, der eine kurze Notiz von O’Meara (betreffend die Rückgabe eines Buches von Byron) überbracht hat, rechnet mit seiner Verhaftung.
    Aber Verling muss noch bleiben und betreut als Arzt (bis zur Ankunft eines anderen Chirurgen) die Familien Betrand und Montholon. Eigentlich sind fast alle krank (auch Lady Lowe und die Kinder), nicht nur Napoleon und das mit ähnlichen Symptomen: Kopfschmerzen, Schwindelanfälle, Leberschmerzen (rechte Seite), Fieber, Erbrechen, Verstopfung und Schlaflosigkeit. Das alles wird mit Unmengen von QUECKSILBER, Aderlässen und Schröpfungen behandelt!
    Mme Montholon verlässt St. Helena wegen ihrer angegriffenen Gesundheit und ihr Mann erkrankt ziemlich schwer, unter anderem an einer Lungenaffektion.
    Offiziell hat St. Helena ein gesundes Klima, aber selbst Dr. Baxter schreibt, dass Ruhr, Lebererkrankungen und Fieber auf St. Helena ständige Krankheiten seien.
    Dysenterie und Unterleibserkrankungen treten bei Europäern häufig auf.
    Die Insel hat ein subtropisches feuchtes Klima und das Wetter besonders in Longwood auf einem Plateau von 600 Meter Höhe gelegen, ist wolkig, regnerisch, und so neblig, dass man selten die Sonne sieht.
    Eigentlich wollen so ziemlich  alle von St. Helena weg: Napoleon, der noch immer hofft die Insel offiziell verlassen zu können, Montholon, der von seiner Familie getrennt ist, Mme Bertrand, die ursprünglich nur ein Jahr bleiben wollte und deren Gesundheitszustand sich verschlechtert, Verling, der die Unhaltbarkeit seiner Situation erkennt und vermutlich auch Hudson Lowe.
    Am 20. September 1819 landen der Arzt Antommarchi und ein Priester auf St.Helena und Verling kann hoffen bald wegzukommen.
    Gegen Ende seines Aufenthaltes wird Mme Bertrand wieder krank (das Tagebuch enthält auch die ausführliche Beschreibung einer gynäkologischen Untersuchung, die bei ihr stattfand) und wird deshalb öfters von Verling besucht. Das führt wieder zu Unstimmigkeiten mit Hudson Lowe. Nun besteht der Arzt nicht nur auf einer baldigen Abreise sondern auch auf klaren Befehlen von Seiten des Gouverneurs, was seine Besuche bei Mme Bertrand betrifft – erfolglos. Hudson Lowe hat zwar offiziell nichts einzuwenden und hält eindeutige Direktiven nicht für notwendig, äußert aber weiterhin Vorbehalte gegen die Visiten - ein Alptraum von einem Vorgesetzten. Verling verlangt jetzt für jeden seiner Besuche auf Longwood einen expliziten Befehl, aber Lowe beharrt darauf die Verantwortung ihm zu überlassen er müsse nur seinen Wünschen nachkommen. Wie Verling zu Sir Thomas Reade (Adjutant von Lowe) bemerkt, „er habe zur Kenntnis genommen, dass ein Wunsch von Hudson Lowe einem Befehl gleichzusetzen sei, nur habe er ihn auch über seine Wünsche ob er jetzt nach Longwood gehen solle, oder nicht im Dunklen gelassen“.
    Als Verling Ende Jänner 1820 Mme Bertrand einen Höflichkeitsbesuch macht (sie hat eine Fehlgeburt erlitten) wird er sofort danach eingehend von Sir Thomas Reade darüber befragt und angewiesen weitere Besuche zu unterlassen.
    Obwohl er nachweislich schon mehrmals darum angesucht hat, St.Helena verlassen zu dürfen wird sein weiteres Bleiben (da es ja jetzt einen Ersatzarzt gibt) als verdächtig betrachtet. Vergeblich verlangt er noch einmal konkrete Anleitungen seiner Vorgesetzten anstatt vager Wünsche, was zu einem Wutausbruch von Hudson Lowe führt.
    Am 28. April 1820 kann Verling St. Helena endlich verlassen. Noch einmal trifft er mit Hudson Lowe zusammen, der ihm mitteilt einen Brief an Lord Bathurst geschrieben zu haben um jeden Zweifel über sein korrektes Verhalten zu zerstreuen.
    Als Verling darauf antwortet, dass jegliche solche Zweifel auf einer falschen Beurteilung seines Verhaltens beruhten, ist eine lange und ärgerliche Unterhaltung die Folge. Dann ist er erlöst. (Er muss allerdings noch einmal zurückgekommen sein, denn er ist auf St. Helena begraben).
    Er hat keine Ahnung davon, dass Lowe ihn bei seinem direkten Vorgesetzten sowohl gelobt als auch angeschwärzt hat unter anderem wegen seiner irischen Abstammung und seinen Verbindungen nach Irland. Aber das ist dann selbst Lord Bathurst zuviel, er bestätigt Lowe gegenüber nachdrücklich sein Vertrauen in den Arzt. 
    PS:Es dauert nicht mehr lange mit Napoleon. Noch am 13. April 1821 spricht Dr. Arnott von Hypochondrie und am selben Tag beginnt der Kaiser sein Testament zu diktieren.
    Einige persönliche Anmerkungen zum Schluss: Das Buch zu lesen ohne die Memoiren von Montholon, Las Cases, Bertrand und Gorgeaud zu kennen ist eigentlich sinnlos. Man braucht gewisse Vorkenntisse, denn Napoleon selbst taucht nur indirekt auf. Mir selbst war der Name Verling bis jetzt nicht bekannt. Marchand, Montholon und St. Cyr erwähnen ihn nur ganz kurz, wenn auch positiv.
    Es gibt auch heitere Episoden, zum Beispiel, wie ich es nenne den „Lesezirkel Lowe“. Und zwar beschaffte und verborgte er Bücher, besonders an Fanny Bertrand.
    So las man auf Longwood unter anderem die Memoiren von Fouche und FRANKENSTEIN von Mary Shelley.
    Neu war mir, dass Napoleon Schnupftabakdosen auch an Frauen verschenkte. Mme Bertrand zeigt Verling ein solches Geschenk, worauf Mme Montholon mit einer ähnlichen anrückt. Überhaupt die beiden Frauen hassen sich und das Gerücht dass die Tochter von Mme Montholon ein Kind Napoleons sei dürfte von Fanny stammen, sie behauptet es jedenfalls Verling gegenüber.
    Ebenfalls anzumerken wäre, dass das ganze Theater um den Kaisertitel Napoleons, den England ihm nicht zuerkannte eigentlich ziemlich überflüssig war. Napoleon war bereit, unter dem Namen eines Obersten Muiron in England zu leben und hätte auch in St.Helena Post unter dieser Bezeichnung entgegen genommen.
    Auch dass laut Aussage Montholons Napoleon nicht fliessend italienisch sprach und sich diesbezügliche Kenntnisse erst auf seiem Italienfeldzug aneignete hat mich etwas überrascht.
    Eine ungelöste Frage bleibt die Tatsache , dass Napoleon von England noch als Kriegsgefangener (Prisoner of War) bezeichnet wurde, als der Krieg doch schon längst zu Ende war. Montholon erwähnt gegenüber Verling, dass sie alle auf Longwood eher Staatsgefangene (Prisoners of State) seien. Vielleicht um diese Bezeichnungen zu vermeiden wurde von Napoleon auch als „Gast“ Englands gesprochen.
    Noch ein sehr persönlicher Kommentar: für mich war Hudson Lowe kein Unhold, aber eine entsetzliche Nervensäge nicht nur für seine Untergebenen sondern für jeden, der das Unglück hatte mit ihm verkehren zu müssen. Um es in Englisch auszudrücken : „A pain in the neck “ für seine gesamte Umgebung.
    Jedenfalls hat David Markham die Literatur über St. Helena mit der Herausgabe dieses Tagebuches und der Memoiren von Betsy Balcombe (To befriend an emperor) entschieden bereichert.
    Zwei weitere links zum Thema: die englischsprachige Rezension (behandelt ausführlich die irrsinnig hohe Quecksilberdosierung) unter:
    www.napoleon-series.org/reviews/memoirs/c_verling.html und die Reports of Count Balmain on St.Helena 1816-1820 unter: www.napoleonic-literature.com/Book_14/1818.htm

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