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Titel

    Unter Napoleon in Spanien - DenkwĂŒrdigkeiten eines badischen Rheinbundoffiziers

Autoren

    Karl Franz von Holzing

Verlag, Umfang

    Hans von Hugo - 282 S. (Ausgabe von 1937)

Rezension

    Das 1937 von Max Dufner-Greif aus alten Papieren herausgegebene Werk erzĂ€hlt die Odysee des badischen Offiziers Karl Franz von Holzing. Dieser tritt dem Studium in Freiburg flĂŒchtend Ostern 1808 im Rang eines Unterleutnants in das 3. badische Regiment ein. Sein Bataillon wird als Teil der badischen Streitkraft nach Spanien geschickt. Der Marsch fĂŒhrt ihn ĂŒber Kehl, Saarburg, Metz und Orleans nach Bayonne, wo ihm erste Erlebnisse mit der spanischen Weiblichkeit nicht erspart bleiben. Seine Feuertaufe erlebt Holzing in Zornosa in der nun als „Deutsche Division“ bezeichnete Division Leval, u. a. Seite an Seite mit den rheinbĂŒndischen Bataillonen aus Hessen-Darmstadt, Frankfurt, Nassau im Kampf gegen die Galizische Armee unter Blake. Hier verwundet, verlebt er sein Krankenlager in Santander. SpĂ€ter besucht er Madrid. Weiter nimmt Holzing an den Gefechten von Meza de Ibor, Medellin, Talavera, Almonacid, Ocana und Mora teil, beschreibt diese auch, wobei er auf ein weiteres Werk zurĂŒckgreift. Beim Postdienst in der Mancha wird seine Abteilung am 19. Mai 1810 von Guerillieros angegriffen und vernichtet, er selbst wird schwer verwundet und gerĂ€t in Gefangenschaft. Die verbringt Holzing anfangs im Hospital von Alicante, spĂ€ter in den berĂŒchtigten Kriegsgefangenenlagern fĂŒr Offiziere auf Mallorca, Minorca und Ibiza. Nachdem das Großherzogtum Baden den Rheinbund verlassen hat, sehen auch die Offiziere die Freiheit wieder. Der RĂŒckweg fĂŒhrt ĂŒber Genua und Basel nach Freiburg, wo er sich am 11. Juli 1814 auf der Stadtkommandantur meldet und nach seiner Beförderung zum Hauptmann wieder den Dienst antritt.
    Das Buch ist spannend und interessant geschrieben, doch lĂ€sst eine gewisse Mischung aus Amouren und Abenteuer, aus unglaublichen Dingen (GoyagemĂ€lde) und exakter Schlachtenbeschreibung den Schluss zu, dass – wenn Holzing dies selbst schrieb – er dies erst Jahre spĂ€ter und unter Einfluss weiterer Quellen und im schönfĂ€rbenden LebensrĂŒckblick tat. Unglaubhaft  ist, wie der Autor beschreibt, wie ihm 1809 im Haus seiner Geliebten Rosa Vittoria zu Madrid ein GemĂ€lde eines ihm bis dato unbekannten Meisters namens Francisco de Goya vorgefĂŒhrt wird, die „Standrechtliche Erschießung von StraßenkĂ€mpfern durch die Franzosen am Abhang von Montana del Principe Pio“, das so detailliert geschildert wird, dass es dem bekannten Werk des Meisters von 1814 entsprechen mĂŒsste. Entweder, hier schummelte der „badische Sharp“ bzw. sein Ghostwriter, oder es gibt mehrere gleicher GemĂ€lde - oder die Kunstgeschichte bedarf einer Neufassung.  Ein Vorwort gibt hierĂŒber leider keine Auskunft.

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    Das Werk ist in einer sehr schönen Neuauflage zusammen mit einigen Uniformtafeln erhĂ€ltlich bei Compagnie d’Elite

Titel

    The Russian Officer Corps of the Revolutionary and Napoleonic Wars, 1792-1815

Autoren

    Alexander Mikaberidze

Verlag, Umfang

    SavasBeatie LLC - 548 S. mit 400 Portraits und 35 weiteren Abbildungen
    ISBN 1-932714-02-2

Rezension

    Jeder ambitionierte Forscher der Napoleonischen Kriegsgeschichte kennt fĂŒr die Beurteilung der WerdegĂ€nge französischer GenerĂ€le den SIX. Eine Fleißarbeit aus den Dreißigern des 20. Jahrhunderts, das zu allen GenerĂ€len und MarschĂ€llen der Zeit von 1789 bis 1815 detaillierte LebenslĂ€ufe enthĂ€lt.
    FĂŒr die anderen Armeen fehlen entweder gleichwertige Arbeiten, oder sie sind nur antiquarisch fĂŒr astronomische Summen - wie z.B. den Prießdorf fĂŒr Preußen - zu beziehen. Dank der Arbeit des in internationalen Foren schon bekannten Autors, Alexander Mikaberidze, liegt nun das Pendant fĂŒr das russische Offizierskorps vor. Im Rahmen seines Dissertationsstudiums am bekannten Institute on Napoleon and the French Revolution der Florida State University erforschte er zahlreiche russische, archivalische Quellen und Literaturarbeiten.
    Ein Fazit lĂ€sst sich vorab schon schließen: ein absolutes Muss fĂŒr jede Bibliothek der Napoleonischen MilitĂ€rliteratur! Das Werk umfaßt die ausfĂŒhrlichen Biographien von mehr als 800 russischen Offizieren - die ich zugegebenermaßen oftmals noch nicht kannte. Aber schon ein Blick auf die Bekannteren unterstreicht den Wert des Werkes - als Beispiel soll hier der General Langeron dienen, der folgende Link verweist auf den
    Originaltext. Als Beispiel fĂŒr einen unbekannteren Offizier soll hier der Originaltext zu O’Rourke veröffentlicht werden - beide natĂŒrlich mit ausdrĂŒcklicher Genehmigung des Verlages. Die beiden Leseproben dĂŒrften ausreichend sein, um die sehr hohe QualitĂ€t der Biographie-Sammlung zu belegen.
    Die einzelnen LebenslÀufe werden noch untermalt von 400 Portraits, die in hoher QualitÀt beigegeben sind, so auch u.a. den beiden oben erwÀhnten GenerÀlen.
    Das Buch umfaßt aber nicht nur die Sammlung an LebenslĂ€ufen russischer Offiziere, sondern wird eingeleitet durch eine aufwĂ€ndige, soziographische Studie des russischen Offizierskorps. Auf knapp 50 Seiten geht der Autor auf die Entwicklung des Offizierskorps, dessen Ausbildung (u.a. mit einer sehr interessanten Tabelle ĂŒber die Fach- und Sprachkenntnisse der Offiziere 1812-1813), dessen sozialer Zusammensetzung und Status, sowie auf die Unterteilung in unterschiedliche Offiziersdienstgrade und abschließend auf die russischen Orden und deren Verteilung ein.
    Ein abschließendes Bild kann man sich ĂŒber das Interview machen, das mit dem Autor anlĂ€ĂŸlich der Buchveröffentlichung angefertigt wurde - hier der gesamte
    Text. Eine Referenz erwies auch der bekannte Leiter des o.g. Instituts an der Florida State University, Professor Donald D. Horward. Dessen Vorwort ist ebenfalls mit EinverstÀndnis des Verlags hier abzurufen.
    FĂŒr die eingehende Betrachtung der russischen Armee und deren Einsatz darf dieses Werk in keinem Buchregal fehlen!

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Titel

    Tales from the Rifle Brigade. Adventures in the Rifle Brigade & Random shots from a Rifleman.

Autoren

    Captain Sir John Kincaid

Verlag, Umfang

    Pen & Sword - 302 S. - ISBN 1-84415-288-X

Rezension

    FĂŒr die Betrachtung des Spanienfeldzuges liegen dem interessierten Forscher eine Vielzahl an Erinnerungen der Feldzugsteilnehmer vor. Möchte man dabei den Verlauf, aber vor allem die Stimmung und das Alltagsleben der Soldaten und Offiziere kennenlernen, kommt man nicht an der LektĂŒre solcher Memoiren oder TagebĂŒcher vorbei.
    Dem Verlag Pen & Sword ist es nun zu verdanken, dass zu einem sehr erschwinglichen Betrag ein bedeutendes Memoirenwerk eines englischen Feldzugsteilnehmers wiederaufgelegt wurde. Es handelt sich um die Erinnerungen des John Kincaid, der sowohl den Feldzug auf der iberischen Halbinsel, sowie spĂ€ter den Waterloo-Feldzug in einer der berĂŒhmtesten Eliteeinheiten der englischen Armee, den 95th Rifles, mitmachte. Er trat als Lieutenant im Jahre 1810 - also nach dem berĂŒhmten RĂŒckzug von Corunna - in das Kriegsgeschehen ein und berichtet sehr anschaulich vom Geschehen bei einer an zahlreichen Gefechten beteiligten Einheit. Seine Erinnerungen wurden erstmals 1830 veröffentlicht, der damals große Erfolg ließ einen Folgeband (die “Random Shots”) schon im Jahre 1835 folgen. WĂ€hrend die “Adventures” in chronologischer Folge alle Begebenheiten beschreiben, ist der Folgeband eher in anekdotenhafter Form geschrieben. Kincaids Schreibstil ist trotz des Alters sehr gut verstĂ€ndlich, teilweise sogar mit dem typisch englischem Humor garniert. Er verstand es sehr gut, die realen Begebenheiten mit persönlichen EindrĂŒcken zu ergĂ€nzen, der große MilitĂ€rhistoriker Oman unterstreicht dies im Jahre 1913 mit der Aussage: “Kincaid remembers all the grotesque incidents, ludicrous situations, practical jokes, and misadventures, in which he and his comrades were concerned”. Ein Beispiel fĂŒr den Stil Kincaids ist die Unsicherheit Wellingtons bzgl. des an ihm
    vorbeimarschierenden 95. Rifleregiments.
    Die vorliegenden, unterhaltsamen Memoiren sollten daher in keiner ambitionierten Bibliothek von Erinnerungen an die Napoleonischen Kriege fehlen. Vor allem die zahlreichen beschriebenen Ereignisse im Krieg auf der iberischen Halbinsel bringen dem heutigen Leser die alltĂ€glichen Bedingungen in einem auf beiden Seiten hart gefĂŒhrten Kampfe nĂ€her. Die Charakterisierungen der fĂŒhrenden Persönlichkeiten, wie z.B. des Herzogs von Wellington, ergĂ€nzen diese Szenarien um lebhafte Visualisierungen der teilnehmenden Soldaten und Offiziere.

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Titel

    Talleyrand - eine (marxistische) Biographie

Autoren

    Eugen Tarle

Verlag, Umfang

    Erstmals erschienen 1948 (Russland) bzw. 1950 (deutsche Übersetzung)

Rezension

    Eigentlich eine der Form nach konventionelle Biographie, die das Leben Talleyrands chronologisch nacherzĂ€hlt und einen Teil einer „Geschichte der Diplomatie“ (aus russischer, bzw. marxistischer Sicht) bildet. Sie beginnt mit einem kurzen RĂŒckblick auf die Diplomatie seit dem Mittelalter und zwar ein Monopol der Aristokratie als Instrument fĂŒr die RivalitĂ€t der Staaten, zur Territorialeroberung und zur Vorbereitung von Kriegen. Der Verfasser erwĂ€hnt zwar im Vorwort einige Biographien, stĂŒtzt sich nach eigener Aussage aber  nicht darauf sondern verwendet hauptsĂ€chlich Dokumente und Briefe aus den russischen und französischen Archiven des AuswĂ€rtigen.
    Schon am Anfang des Buches ist eine gewisse Abneigung gegen seinen Protagonisten  deutlich erkennbar „anrĂŒchige Persönlichkeit“ die in weiterem Verlauf noch zusĂ€tzlich an SchĂ€rfe gewinnt.
    Tarle geht kurz auf Kindheit und Jugend Talleyrands ein, dann folgt Priesterseminar und sowohl eine klerikale Karriere als Abt in Reims, Generalvikar und Bischof von Autun als auch eine weltliche als Höfling und Börsenspekulant, aber seine wirkliche Geschichte beginnt mit seinem Auftritt auf der diplomatischen BĂŒhne zur Zeit der französischen Revolution und zwar nicht als Diplomat alter Schule sondern als Diplomat der Bourgeoisie, bzw. des dritten Standes trotz seiner aristokratischen Herkunft. Eigentlich ein Gegner der Revolution lĂ€sst er sich zwar nicht wirklich von den neuen Ideen mitreißen sieht aber die kommende politische Vormacht des dritten Standes voraus und tritt fĂŒr rechtzeitige Reformen ein. (Das Einzige, das Tarle an ihm uneingeschrĂ€nkt bewundert ist seine Weitsicht).
    Vergeblich versucht er nach der ErstĂŒrmung der Bastille bei Ludwig XVI. ein gewaltsames Vorgehen gegen den Aufstand herbeizufĂŒhren, es misslingt und er wechselt das Lager und tritt fĂŒrderhin als glĂŒhender RevolutionĂ€r auf.
    Von daher rĂŒhrt wohl die (lebenslange) Verachtung, die er fĂŒr die Bourbonen wegen ihrer SchwĂ€che, Feigheit und Dummheit empfand (da war er einer Ansicht mit Napoleon).
    Nach nĂŒchterner EinschĂ€tzung der Sachlage in Bezug auf die bevorstehende Enteignung des Landbesitzes der Kirche bringt er in seiner Funktion als Bischof ein Gesetzesprojekt ein, dass diesen freiwillig dem Staat ĂŒberschreibt und damit von vornherein sowohl einen PrĂ€zedenzfall fĂŒr das private Grundeigentum als auch eine Konfiszierung vermeidet.
    Die Sequestrierung der KirchengĂŒter zieht dem „revolutionĂ€ren Bischof“ (der am Nationalfeiertag die Messe liest und am selben Abend eine Spielbank sprengt) allerdings den Hass von Adel und Klerus zu und die Bischofsweihe von Geistlichen, die den Eid auf die neue Kirchenordnung geleistet haben (was der Papst untersagt hatte) den Ausschluss aus der katholischen Kirche, woraufhin er erleichtert die geistliche Tracht und den geistlichen Stand ablegt.
    1792 beginnt seine eigentliche diplomatische AuslandstĂ€tigkeit mit einer Reise nach London (wo ihn die Emigranten mit offenem Hass begegnen) zu William Pitt um einen Kriegseintritt Englands zu verhindern.
    Was dann folgt hat wohl zu Beginn der Revolution keiner vorausgesehen, auch nicht Talleyrand, nĂ€mlich den Sturz des Königs und die Proklamierung der Republik. In diesem Zusammenhang zitiert Tarle eine diplomatische Note Talleyrands an die englische Regierung, in der er den Sturz des Königs mit Geldverschwendung und Bestechung rechtfertigt!
    Jetzt schĂ€tzt er allerdings die Lage richtig ein und lĂ€sst sich von Danton unter dem Vorwand in England ĂŒber die neuen Maß- und Gewichtseinheiten zu verhandeln einen Auslandspass ausstellen. Das bedeutet die Emigration, denn der Konvent erhebt gegen ihn Anklage, da sich beim König Dokumente finden, die belegen dass er ihm noch 1791 seine Dienste angeboten hatte. Seitdem sorgt er dafĂŒr, dass belastende Dokumente rechtzeitig verschwinden.
    1794 muss er auch England verlassen, wo er damals bei Regierung und Emigranten reichlich unbeliebt war und geht nach Philadelphia in Amerika, wo er hauptsĂ€chlich von Börsenspekulation und GrundstĂŒckgeschĂ€ften lebt. Politisch kann er dort nicht Fuß fassen, PrĂ€sident Washington empfĂ€ngt ihn nicht.
    1796 kann er nach der Errichtung des Direktoriums nach Frankreich zurĂŒckkehren, wobei ihm der Hass der Emigranten als Empfehlung dient.
    Im Direktorium hat er allerdings keine Freunde, Tarle schreibt, dass ihn von den fĂŒnf Direktoren drei fĂŒr bestechlich hielten, der vierte fĂŒr einen Dieb und bestechlich und der fĂŒnfte: Rewbell fĂŒr einen Dieb, bestechlich und VerrĂ€ter ansah. Also setzte er seine Hoffnungen auf Barras, der hĂ€lt ihn zwar auch fĂŒr einen Gauner (wie er selbst einer ist) hat aber Verwendung fĂŒr ihn als Diplomat. Mit Hilfe von Mme Stael wird er zum Außenminister ernannt, welches Amt er spĂ€ter allerdings freiwillig zurĂŒcklegt als die PopularitĂ€t des Direktoriums wegen des Verlustes von Italien (Suworow) rapide nachlĂ€sst.
    Inzwischen ist die „Revolution der Bourgeoisie gegen das absolutistische Europa“ in vollem Gang und langsam werden die Verteidigungskriege des revolutionĂ€ren Frankreich mit dem „Robbespierre zu Pferde“ zu Eroberungskriegen. Jetzt setzt Talleyrand auf Napoleon, desssen MachtĂŒbernahme eine feudale Reaktion mitsamt einer Restauration der Bourbonen, die ihm damals noch gefĂ€hrlich werden könnten unmöglich macht. Zu diesem Zeitpunkt haben beide noch das gleiche Ziel: marxistisch ausgedrĂŒckt die Diktatur der Bourgeoisie gegen den Widerstand der Jakobiner und Royalisten zu festigen. In Menschenverachtung, Egoismus, Egozentrismus und Ablehnung einer moralischen Kontrolle gleichen sie sich, nicht aber in ihren  Wissensdrang. Napoleon interessiert sich so ziemlich fĂŒr alles, wĂ€hrend Talleyrand allem was nicht direkt mit seiner Karriere oder seinen Finanzen zusammenhĂ€ngt gleichgĂŒltig bis ablehnend gegenĂŒber steht. Jedenfalls verstehen sie sich anfangs ausgezeichnet. Talleyrand unterstĂŒtzt den Ägyptenfeldzug, geht allerdings nicht wie zuerst versprochen als Gesandter nach Kostantinopel, was den ersten Schatten auf ihre Freundschaft wirft. Aber nach seiner RĂŒckkehr aus Ägypten ebnet er ihm den Weg zur Macht. Kurz erwĂ€hnt sei noch die Geschichte mit dem Bestechungsgeld fĂŒr Barras, das Talleyrand angeblich fĂŒr sich behĂ€lt (laut Barras) und hier formuliert Tarle amĂŒsant boshaft wenn er schreibt: “Talleyrand schweigt natĂŒrlich bescheiden ĂŒber diesen ganzen Vorfall, offenbar deshalb, weil er die Aufmerksamkeit seiner Nachkommen nicht mit solchen Bagatellen belasten will.“ Jedenfalls der Staatsstreich gelingt und Talleyrand ist wieder Außenminister und hat eine glĂ€nzende und Ă€ußerst profitable Karriere vor sich. Die Dinge geraten in Bewegung: politisch mit der Ermordung des Zaren Paul, womit das BĂŒndnis zwischen Frankreich und Russland gegen England zunĂ€chst einmal hinfĂ€llig ist, obwohl auch die Beziehung zu dessen Nachfolger Alexander durchaus freundschaftlich genannt werden kann und privat mit der erzwungenen Heirat mit Mme Grand. Wie schreibt Tarle hier so schön: „Nachdenken war zwecklos. Talleyrand machte drei Kreuze und heiratete.“ Wichtig  wird die Affaire Enghien, dessen Tod Tarle ihm ausdrĂŒcklich als Hauptinitiator zur Last legt, weil er den Brief von Enghien an Napoleon zurĂŒckhĂ€lt. Sein Tod ist nĂŒtzlich und das ist die Hauptsache. Die Royalisten sind eingeschĂŒchtert und die RĂŒckkehr der Bourbonen ist mit der Kaiserkrönung in weite Ferne gerĂŒckt. Napoleon hat spĂ€ter die Verantwortung fĂŒr den Tod von Enghien dezidiert auf sich genommen, aber bei seiner RĂŒckkehr aus Spanien (der berĂŒhmte Wutanfall)  wirft er ihm in aller Öffentlichkeit vor ihn ĂŒber seinen Aufenthalt informiert  und zur Abrechnung angestiftet zu haben. Talleyrand schweigt vornehm dazu und gibt damit fĂŒr Tarle alles zu, allerdings wĂ€re er wohl bei dieser Szene nicht zu Wort gekommen, selbst wenn er das gewollt hĂ€tte. Die Dokumente die seine Rolle in dieser Angelegenheit verdeutlichen könnten, existieren seit 1814 nicht mehr.
    1806/07 Ă€ndert sich Talleyrands Einstellung zu Napoleon. Er sieht in einer weiteren Ausdehnung des Reiches, in der „Weltmonarchie“ unter Ausschaltung von England und Russland einen Keim fĂŒr neue Kriege, die letztendlich zum Untergang fĂŒhren mĂŒssen.
    Talleyrands BegrĂŒndung fĂŒr seine Abdankung als Außenminister nach dem Frieden von Tilsit: „Ich will nicht der Henker Europas sein“. Napoleons ErklĂ€rung  dafĂŒr „Er ist ein talentierter Mensch, aber mit ihm kann man nichts machen, wenn man ihm nicht Geld gibt. Der König von Bayern und der König von WĂŒrttemberg haben mir soviel Klagen ĂŒber seine Geldgier unterbreitet, dass ich im das Portefeuille nahm“. Vermutlich ist beides richtig. Talleyrand sieht eine Katastrophe voraus und sucht sich vorsichtshalber rechtzeitig  neu zu positionieren. Die neuerlichen VorwĂŒrfe kommen ihm gelegen um beleidigt und wĂŒrdevoll seinen Abschied einzureichen. Jetzt hat er zwar ein Hofamt „Vize-Gross-Elektor“, das mit reichlich Geld einhergeht, aber keine  formale Verantwortung mehr. Wenn man Tarle folgt war er noch 1807 nicht nur fĂŒr die Eroberung von Portugal  und Spanien (Remusat-Memoiren), was er nachher abstreitet sondern sogar fĂŒr die Eliminierung der ganzen spanischen Linie der Bourbonen! Napoleon begnĂŒgt sich allerdings damit sie in Frakreich zu halten. Talleyrand Ă€ußert sich zwar verĂ€rgert darĂŒber in Valencay als GefĂ€ngniswĂ€rter zu fungieren, verlangt aber fĂŒr die Renovierung 2 Millionen Franc, die er auch erhĂ€lt.
    Trotzdem er keine offizielle Funktion mehr hat begleitet er Napoleon zum Kaisertag in Erfurt, wo es zu dem berĂŒhmten „Verrat von Erfurt“ kommt. Tarle bezieht sich nun auf Papiere des russischen Diplomaten Nesselrode  laut dem Talleyrand in Russland einen schlechten Ruf genießt, da er 1804 nicht nur Herzog- und FĂŒrstentĂŒmer in Europa verschacherte, sondern auch versuchte Holland an einen PrĂ€tendenten um 14 Millionen Franc zu verkaufen. Trotzdem trifft sich Zar Alexander, der von Tarle als nachtragend und heuchlerisch beschrieben wird („der falsche Byzantiner“ Napoleons) heimlich mit ihm.
    Talleyrand  fordert Alexander ganz direkt auf, sich Napoleons Ambitionen zu widersetzen und verzichtet quasi auf Italien, Holland, etc. Damit setzt er seinen Kopf aufs Spiel, denn das ist Hochverrat, aber Alexander verrĂ€t ihn nicht an Napoleon, der von dem all dem keine Ahnung hat. Alexander hört  auf Talleyrand und macht Schwierigkeiten bei der Unterzeichnung des Vertrages zwischen Frankreich und Russland, worĂŒber sich wiederum Napoleon bei Talleyrand beschwert. Es kommt auch zu einer AnnĂ€herung an Metternich, der in seinen Briefen scharf zwischen dem moralischen und dem politischen Menschen Talleyrand  unterscheidet  „Er wĂ€re nicht das, was er ist, wenn er moralisch wĂ€re...“ und ihn als gefĂ€hrliches aber nĂŒtzliches Instrument bezeichnet. Diese AktivitĂ€ten des ehemaligen Außenministers finden ihre Fortsetzung in der konspirativen Korrespondenz mit Nesselrode, in der u.a. mit dem schönen Decknamen „Anna Iwanowa“ auftaucht. Weiters sichert sich Talleyrand durch seine AnnĂ€herung an Fouche ab, der ĂŒber seine politischen Ansichten informiert ist, der Polizeiminister hĂ€tte ihm gefĂ€hrlich werden können. Aber Napoleon bekommt Wind von dieser verdĂ€chtigen Freundschaft und den abfĂ€lligen Äußerungen Talleyrands. Das und der bevorstehende Krieg mit Österreich veranlassen ihn den spanischen Kriegsschauplatz zu verlassen. Es kommt zu dem inszenierten Wutanfall Napoleons am 28.1.1809, aber der „Dreck in SeidenstrĂŒmpfen“ endet doch nicht am Gitter des Karussellplatzes, denn der Kaiser weiß nicht alles.  Äußerlich ungerĂŒhrt, aber tödlich beleidigt trifft sich Talleyrand mit Metternich,  macht mit ihm gemeinsame Sache und verlangt natĂŒrlich laut Metternichs Mitteilung an den österreichischen Minister Stadion Geld. Jetzt will er sich rĂ€chen und dabei kassieren. Sowohl der Krieg mit Österreich als auch das â€žGitter des Karussellplatzes“ sind nahe. Talleyrand verrĂ€t die AufmarschplĂ€ne von Oudinot und gibt RatschlĂ€ge zur Mobilmachung. Er ist jetzt als französischer WĂŒrdentrĂ€ger Agent sowohl Österreichs als auch Russlands, Frankreichs nominellen VerbĂŒndeten. Seitenweise zitiert Tarle die Korrespondenz mit Nesselrode, Zar Alexander und dem russischen Außenminister, in der er rĂ€t den Krieg mit der TĂŒrkei zu beenden und ĂŒber den Zustand der französischen Armee informiert. 1809 ist ein arbeitsreiches Jahr fĂŒr ihn, er verrĂ€t Napoleon an Russland, aber auch Russland an Österreich. Aber dann kann er es ruhiger angehen. Er setzt zwar die Geheimkorrespondenz mit Russland fort, in der Alexander ĂŒber die geplante Wiederherstellung Polens unterrichtet, vor einer Mobilmachung Napoleons gegen Russland warnt und dazu rĂ€t die Kontinentalsperre nur offiziell einzuhalten, aber eine weitere Geldforderung wird trotzdem abgelehnt. Angeblich hat der Kaiser vor, ihn auf den Russlandfeldzug mitzunehmen, weil er ihm nicht mehr traut, vergisst es aber dann.
    Talleyrand will ihn schon 1812 stĂŒrzen, aber das ist nicht möglich weil Napoleon innenpolitisch noch zu viel UnterstĂŒtzung hat.
    1813 und spĂ€ter 1814 versucht der Kaiser (der noch immer keine Ahnung von Erfurt hat) Talleyrand dazu zu bewegen, wieder das Außenministerium zu ĂŒbernehmen. Er mag ihn zwar nicht mehr, verachtet ihn, aber traut seinem diplomatischen Talent und nimmt an, dieser habe bei einem Zusammenbruch des Empire alles zu verlieren und Angst vor der RĂŒckkehr der Bourbonen, aber Taylleyrand lehnt ab.
    Der Feldzug von 1814 beginnt mit Siegen Napoleons. Talleyrand befĂŒrchtet,  dass der Kaiser alles herausbekommt und dann ist er verloren. Nur Napoleons Niederlage kann ihn retten.
    Deshalb hĂ€lt er Kontakt mit den Alliierten und den Bourbonen und bleibt in Paris in der Hoffnung, dass ihm der Tod Enghiens nachgesehen wĂŒrde, wenn er ihnen wieder zum Thron verhilft. Er reist nur scheinbar aus Paris ab denn er lĂ€sst sich von der Nationalgarde zur „RĂŒckkehr“ zwingen und ĂŒberredet Marmont, Paris zu ĂŒbergeben. Marmont gibt nachher Talleyrand die Schuld daran. Napoleon erfĂ€hrt von diesem Verrat in Fontainebleau.
    Talleyrand hat richtig taktiert, es kommt zur Restauration von 1814, gegen die ursprĂŒnglichen Absichten eines zögerlichen Alexander, der sogar mit einer Republik Frankreich liebĂ€ugelt und den Bourbonen nicht sehr zugetan ist, genauso wenig wie Talleyrand, der ihn (Alexander) als Heuchler und Vatermörder verunglimpft hat. Talleyrand erwidert diese GefĂŒhle, weil Alexander ihn durchschaut und ihm seine Verachtung fĂŒhlen lĂ€sst.
    Aber Ludwig XVIII. hat die LegitimitĂ€t fĂŒr sich und wird König. Talleyrand ist verantwortlich fĂŒr die Wiedereinsetzung der Bourbonen, auf die er verĂ€chtlich herabsieht und diese hassen und verachten ihn ihrerseits. Der Tod von Enghien ist nicht vergessen, aber noch wird er gebraucht, z.B beim Wiener Kongress, wo er glĂ€nzt. Die Unversehrtheit des französischen Territoriums war allerdings schon vorher als prĂ€liminare Übereinkunft ausgemacht. Es ist ein Ergebnis seiner Geschicklichkeit und der widerstrebenden Interessen von Preußen und Russland. Frankreich darf fĂŒr Russland nicht zu schwach und Preußen nicht zu stark werden. Die Interessen Russlands retten Frankreich vor der ZerstĂŒckelung und beim Kongress kommt es nur mehr zur BestĂ€tigung der vorhergehenden Übereinkunft. Der Kongress nimmt keine RĂŒcksicht auf nationale  Bestrebungen  sondern kehrt zu den vorrevolutionĂ€ren Staatsgrenzen zurĂŒck. Das Prinzip der LegitimitĂ€t als Grundlage des Völkerrechtes und die WidersprĂŒche zwischen Russland, Preußen, Österreich und England  nĂŒtzen Frankreich und auch Sachsen. Talleyrand hat als ehemalige gehorsame Feder Napoleons, der seine Befehle ohne Widerstreben vollzog, anfangs einen schweren Stand, aber die antifranzösische Koalition zerfĂ€llt und es kommt zum Abschluss eines Geheimvertrags gegen Russland und Preußen, unterschrieben von Talleyrand, Metternich und Castlereigh. Talleyrand kann Sachsen vor Preußen retten aber nicht Polen vor Russland.  Preußen ist der große Verlierer, womit eine jahrhundertealtes Problem der französischen Diplomatie gelöst ist. Gewonnen hat auch England, denn der lange Kampf zwischen ihm und Frankreich um Indien ist zu Ende. Talleyrand hat gegen Alexander, der ihn als Gauner, Dieb, BetrĂŒger, etc. bezeichnet und gegen Metternich durch Weitblick und zĂ€hes Verhandeln gesiegt.
    Mehr Schwierigkeiten bereiten ihm daheim die Bourbonen. Symptomatisch fĂŒr ihr reaktionĂ€res Verhalten ist die WiedereinfĂŒhrung des Lilienbanners an Stelle der Trikolore, aber ihr Thron steht nicht sicher, schon gar nicht wenn man wie Karl von Artois mit einer Wiederherstellung des alten Feudalregimes  kokettiert. Alexander, der einen neuen revolutionĂ€ren Umschwung befĂŒrchtet spricht sich fĂŒr eine liberale Verfassung aus und Talleyrand ist seiner Ansicht. Aber die Ultraroyalisten drĂ€ngen auf ein Ende der konstitutionellen EinschrĂ€nkung und Talleyrand stimmt offiziell zu. Tarle zitiert in diesem Zusammenhang einen Brief an Alexander, „ ... der ihm nie und nicht glaubte, selbst wenn der französische Diplomat zufĂ€llig einmal die Wahrheit sagte.“ Talleyrand hat Alexander, der ihn richtig einschĂ€tzt, unterschĂ€tzt. Die Misslichkeiten hĂ€ufen sich. Talleyrand hat zwar vor dem Eintreffen der Bourbonen in Paris belastende Dokumente vernichtet aber das FĂŒrstentum Benevent und die napoleonischen Auszeichnungen behalten. Der König und sein Bruder behandeln ihn abfĂ€llig und sowohl vom alten als auch vom napoleonischen Adel (der erst nach der Abdankung und mit Erlaubnis Napoleons auf die Bourbonen geschworen hat) wird er gehasst. Talleyrand, Fouche und Marmont gelten als VerrĂ€ter. „FĂŒrst Talleyrand ist deshalb so reich, weil er immer die verkauft hat, die ihn gekauft hatten“ steht in der Presse, das hĂ€tte es unter Napoleon nicht gegeben. So nĂ€hert er sich wieder Österreich und England an.Und hier folgt ein Auszug des Gesandten Bombell an Metternich, der seinerseits eine AnnĂ€herung an Russland befĂŒrchtet. „Ich zweifle nicht, dass sie sich mit ihm einigen werden, auch bei vielem bösen Willen seinerseits ... Ich glaube, dass die Interessen Frankreichs und seines Königs fĂŒr Herrn von Benevent immer eine Frage zweiter Ordnung sein und die Interessen des Herrn von Talleyrand seinem Herzen zweifellos nĂ€her stehen werden.“
    Noch einmal wird es gefĂ€hrlich. Napoleon kehrt von Elba zurĂŒck und als Talleyrand es ablehnt wieder in seine Dienste zu treten schickt der Kaiser eine Kopie des antirussischen Geheimvertrags, die der König bei seiner Flucht aus Paris zurĂŒckgelassen hat an Zar Alexander. Talleyrand und Alexander hatten zwar noch immer gemeinsame Interessen, aber letzterer war jetzt sein Feind.
    Waterloo und die zweite Restauration haben eine ultraroyalistische Reaktion zur  Folge. Talleyrand sieht klar, dass die Errungenschaften der Revolution, die Napoleon ĂŒbernommen hatte, nicht mehr rĂŒckgĂ€ngig zu machen sind , kann oder will aber nichts dagegen unternehmen. Sehr wohl spricht er sich gegen die Proskriptionen und Verfolgungen des „weißen Terrors“ aus, wĂ€hrend Fouche Erschießungen fordert. Von einer solchen Liste Fouches kann er 43 Menschen retten – Ney gehört nicht dazu. Talleyrand ist entsetzt, er geht zum König und stellt ihm ein Ultimatum. Aber der braucht ihn nicht mehr, Alexander und die Emigranten hassen ihn. Sein Abschied wird genehmigt, und auch der Königsmörder Fouche muss als Gesandter nach Sachsen.
    In der Heiligen  Allianz verbindet sich ab nun die österreichische und die russische Reaktion. 1815- 1830 ist Talleyrand im Ruhestand. Er weiß sich zu beschĂ€ftigen und verkauft Teile der Korrespondenz Napoleons, die er aus dem Archiv des Außenministeriums „mitgenommen“ hat an Metternich. Das ist allerdings Diebstahl und Landesverrat, aber Metternich, der unter bloßen Kopien einige kompromittierende Originale findet, hĂ€lt dicht. Weiters verfasst er seine  Memoiren, die ursprĂŒnglich nur fĂŒr seine Nachkommen bestimmt, erst 1892 erschienen. Er verschweigt darin vieles, aber erzĂ€hlt keine Unwahrheiten, die sowieso niemand glauben wĂŒrde. Interessant dabei ist nicht, was er erzĂ€hlt sondern was er verschweigt.
    Talleyrand ist zwar kaltgestellt steht aber jetzt in Opposition zu den Bourbonen und intrigiert gegen sie. Allerdings schwenkt er aus KarrieregrĂŒnden zuerst kurz nach rechts zu den Ultraroyalisten, bevor er sich ab 1821 den Liberalen zuwendet und sich auch den Bonapartisten annĂ€hert. Er bedient sich spĂ€ter auch der napoleonischen Legende. 1823 tritt er gegen die französische Intervention in Spanien auf.
    Er erwartet den Sturz Karls X. und setzt auf Louis-Philippe von Orleans. Als Karl X. einen reaktionĂ€ren Staatsstreich gegen die Konstitution plant und damit Eidbruch begeht, unterstĂŒtzt er die Absetzung des legitimen Königs. 1830 kommt es zur Revolution und er rĂ€t Louis-Philippe sich vom Prinzip der LegitimitĂ€t zu verabschieden und die Krone anzunehmen. Der neue König, der diplomatische UnterstĂŒtzung gegen Russland und die Hilfe Englands braucht, ernennt ihn zum französischen Botschafter in London. Talleyrand gilt als politischer Prophet, angebliches Zitat des Zaren Nikolaus: „Da Talleyrand sich der neuen französischen Regierung anschließt, hat diese Regierung unbedingt Aussicht auf langes Bestehen“. Ein Regime das Talleyrands UnterstĂŒtzung hatte, galt als stabil. Er ist in London sehr erfolgreich, obwohl er die wirtschaftliche Übermacht Englands im Welthandel fĂŒr noch gefĂ€hrlicher hĂ€lt als Napoleons Machtstreben. Aber das behĂ€lt er wohlweislich fĂŒr sich. Er schließt Freundschaft mit Wellington, erwirbt sich die Sympathie der dortigen Arbeiterschaft und hĂ€lt das Andenken Napoleons und der frz. Revolution hoch.
    Erfolgreich ist er in der Lösung der „belgischen Frage“. Belgien war am Wiener Kongress, ohne gefragt zu werden mit Holland vereinigt worden und erklĂ€rt nach einer Revolution seine UnabhĂ€ngigkeit. Es gibt zwei Optionen: SelbststĂ€ndigkeit oder Anschluss an Frankreich. Da die GroßmĂ€chte keinen Machtzuwachs Frankreichs dulden wollen (Antwerpen wĂ€re französisch geworden) kommt es zur Londoner Konferenz und letztendlich wird Belgien nach Landabtretungen an Holland selbststĂ€ndig. Talleyrand fĂ€hrt in dieser Angelegenheit zuerst einen Zickzackkurs, die in spĂ€ter aufgetauchten Dokumenten die Geheimverhandlungen und GeldflĂŒsse belegen, ihre ErklĂ€rung finden.  Ein Teil der Belgier wollte allerdings den Anschluss an Frankreich und die Gegnerschaft Talleyrands rief die Wut der französischen Republikaner hervor. Inzwischen spekuliert er an der Börse, diese und andere AktivitĂ€ten werden misstrauisch von Lord Palmerston beobachtet. In Zusammenhang mit der Orientfrage, die England und Russland entzweit kommt es zu einem engen BĂŒndnis zwischen Frankreich und England. 1834 nimmt Talleyrand mit 80 Jahren wegen AltersschwĂ€che seinen Abschied.
    Sein letztes öffentliches Auftreten findet am 3. MÀrz 1838 in der Akademie der Wissenschaften statt. Am 17. Mai desselben Jahres stirbt er.

    Im Großen und Ganzen wird hier Talleyrand negativ beurteilt, allerdings nur  in Bezug auf ethische und moralische Kriterien. FĂŒr Tarle war er ein vorsichtiger, scharfblickender, geduldiger Gauner, gefĂ€hrlich durch seinen feinen durchdringenden Verstand, seine Gabe weiter Voraussicht und seine FĂ€higkeit instinktiv die richtige Taktik zu finden. Er beschreibt einen Menschen mit ungeheuren FĂ€higkeiten, der seine freudlose Jugend nie vergessen und seinen Verwandten ihren herzlosen Egoismus nie verziehen hat. Seine Charaktereigenschaften sind Trockenheit der Seele, HĂ€rte des Herzens, GleichgĂŒltigkeit, gefrorener Amoralismus, und vor allem Geldgier, Habsucht und unglaubliche Bestechlichkeit, deren Ausmaß sogar seine Zeitgenossen in Erstaunen setzte. Allerdings wird konzediert, dass seine KĂ€uflichkeit keinen Einfluss auf den Verlauf der europĂ€ischen Politik hatte  und er sich bis 1808 vor Schritten zum Nachteil Frankreichs hĂŒtete. Wenn er aber einmal bestochen war, erfĂŒllte er allerdings  seine Verpflichtungen oder gab das Geld zurĂŒck. Mir persönlich fĂ€llt dabei der Witz ein, in dem ein Mann  in Vorwahlzeiten von verschiedenen Wahlwerbern Geld nimmt und gefragt welche Partei er nun wĂ€hlen werde, antwortet  dass er sich dabei nach seinem Gewissen richten werde. Auch war er nicht rachsĂŒchtig, wenn ihm jemand nicht mehr schaden konnte. Kein Hasser, sondern ein VerĂ€chter, keine starken Leidenschaften außer fĂŒr Geld. „Er vergaß seine Feind, sobald sie ihm nicht mehr im Wege standen.“ Tarle billigt ihm auch Ehrlichkeit zu,  wenn er davon spricht, dass er Napoleon am Anfang aufrichtig geschĂ€tzt und ihn nur wegen dessen unerreichbaren Zielen im Interesse Frankreichs verriet, allerdings nur weil sich seine eigenen Interessen damit deckten.
    Es musste sich auch finanziell rentieren und er war Napoleon fĂŒr die Gelegenheit zur schnellen Geldakquirierung aufrichtig dankbar. Er hat sich  jedenfalls auf legale und illegale Weise in grandiosem Ausmaß bereichert. Napoleon verglich ihn in Bezug auf seine Moral mit Fouche, stellte ihn intellektuell aber weit höher. Jedenfalls waren beide in den ersten Jahren der Diktatur ein Herz und eine Seele und er hat entgegen seinen spĂ€teren Behauptungen nie versucht Napoleon zu mĂ€ĂŸigen und wenn er spĂ€ter gegen ihn auftrat, dann nie offen und stets zum eigenen Vorteil. Es gab keinen Widerspruch, er redete ihm in allem nach den Mund und sagte auch nichts gegen die Kontinentalsperre, die er fĂŒr verhĂ€ngnisvoll hielt, der Goldregen entschĂ€digte ihn fĂŒr alles. Die Beurteilung wird immer schĂ€rfer das SĂŒndenregister enthĂ€lt: völlige AmoralitĂ€t, Verrat an der legitimen Monarchie, Schuld am Tode Enghiens (wegen dessen legitimer Abstammung), Diplomat Napoleons (bei dem die LegitimitĂ€t damals keine Rolle spielte), Verrat an Napoleon, etc., etc. Ein Mann der seinen Gegnern Moralpredigten hĂ€lt, von seinen Prinzipen redet, der sein Leben lang die verkauft, die ihn gekauft haben und zu guter Letzt bei einer Trauerfeier am Jahrestag der Hinrichtung Ludwigs XVI. eine gefĂŒhlvolle Rede hĂ€lt. ZurĂŒckhaltend, kalt, gleichmĂŒtig und geldgierig kassiert er zwar von allen Seiten, tut aber nach Möglichkeit nichts was seinen Zielen widerspricht. Die Kritik in moralischer Hinsicht ist vernichtend, aber die marxistische Sicht der Dinge fĂŒhrt zu einer prinzipiell  positiven EinschĂ€tzung seiner historischen Rolle.
    Talleyrand als Diplomat der frĂŒhen Periode der Bourgeoisie, der den Niedergang des Feudalismus und den Aufstieg des BĂŒrgertums voraussieht. Er hat FingerspitzengefĂŒhl, keine Überzeugungen, kein Gewissen und ist immer rechtzeitig auf der Seite der Sieger, das heißt des nachrevolutionĂ€ren BĂŒrgertums, in dessem Interesse er alle Regierungen verkauft und verraten hat. UnabhĂ€ngig von seinen eigennĂŒtzigen subjektiven Motiven trĂ€gt er zum Sieg der bĂŒrgerlichen Klasse bei und spielt objektiv gesehen eine positive und historisch progressive Rolle wĂ€hrend seine persönlichen Eigenschaften EntrĂŒstung und Widerwillen herausfordern.
    Der Akademiker Brifot legt dem Teufel folgende Wort in den Mund, als Talleyrand in der Hölle eintrifft: „Mein Lieber, ich danke Ihnen, aber gestehen Sie ein, dass Sie doch einigermaßen ĂŒber meine Instruktionen hinausgegangen sind.“
    Dargestellt werden zwei grundlegende Gesichtspunkte die Talleyrands Diplomatie zu Grunde liegen: die Unmöglichkeit das französische Feudalregime aufrecht zu erhalten oder wieder herzustellen, das ist der Grund fĂŒr den zweimaligen Verrat an den Bourbonen 1798 und 1830 und die Aussichtlosigkeit der „Weltmonarchie“  Napoleons und seiner Eroberungen in  Europa, deshalb der heimliche Verrat von 1808 und 1813 und der offene von 1814. Diese im wesentlichen richtigen Motive bringt Talleyrand selbst als ErklĂ€rung fĂŒr sein Verhalten vor.
    Aber das tat er im Geheimen und kassierte von allen Seiten dafĂŒr. Also war er historisch im Recht aber zum Vorwurf gemacht werden ihm seine verwerflichen Methoden und Antriebe.
    Zugestanden werden ihm hervorragende geistige FĂ€higkeiten aber er wird nicht als Staatsmann mit weitem Horizont sondern als mittelmĂ€ĂŸig und nicht schöpferisch in dieser Hinsicht charakterisiert, ohne eigenen Ideen nur geleitet vom Instinkt der Selbsterhaltung. So ist sein Aufstieg eine Parallele zu dem der Bourgeoisie. 
    Der HochschĂ€tzung der objektiven Resultate seiner TĂ€tigkeit steht die Verachtung seiner Moral entgegen, nicht nur bei Zeitgenossen sondern auch spĂ€ter, so wie in dieser Biographie.
    Tarle macht ihm aber keineswegs den Vorwurf kein Marxist gewesen zu sein . Er erwĂ€hnt nur, dass er die Arbeiterschaft/das Proletariat bis 1830 nicht berĂŒcksichtigen musste.
    Aus marxistischer Sicht sind letztendlich â€žder gewaltigste Feldherr und der glĂ€nzendste Diplomat“ Helfer im Dienst der historisch (einstweilen) siegreichen Klasse. 
    Eine weiterfĂŒhrende Kritik wĂ€re eine an dem historischen Geschichtstheorie des Marxismus und die gibt es bekanntlich schon. Aber auch wenn man auf diese Ideologie verzichtet ist dieses Buch sehr informativ und heute noch nachvollziehbar, die bĂŒrgerliche Revolution hat ja tatsĂ€chlich stattgefunden und daher wird der Geschichte keine Gewalt angetan. Ob die Arbeiterschaft  allerdings damals schon ein Klassenbewusstsein entwickelt hatte (was beim dritten Stand schon der Fall war) und wie weit sich auch Talleyrand und auch Napoleon ihrer historischen Rolle in dieser Hinsicht bewusst waren, lasse ich dahingestellt, aber das ist bei Werkzeugen der Geschichte auch nicht notwendig.
    Eins ist mir noch aufgefallen in diesem Buch wird viel verachtet: viele Zeitgenossen verachten Talleyrand, er verachtet die ganze Welt, Napoleon verachtet ihn und der Autor tut desgleichen  nur dem Objekt dieser Biographie wĂ€re es garantiert vollkommen gleichgĂŒltig.

Rezensent